Wie Mastzellen, Bindegewebe und chronische Symptome zusammenhängen
Das Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS) ist eine Gruppe genetisch bedingter Bindegewebserkrankungen. Betroffene leben häufig mit einer ganzen Reihe chronischer Beschwerden – Schmerzen, Instabilitäten der Gelenke, Kreislaufprobleme, Verdauungsbeschwerden, Allergieähnliche Reaktionen und vieles mehr. In den letzten Jahren rückt ein weiteres Thema immer stärker in den Fokus: das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS).
Viele Patientinnen und Patienten mit EDS berichten von Beschwerden, die typisch für MCAS sind – und tatsächlich gibt es Hinweise auf Überschneidungen. Dieser Artikel erklärt verständlich, was MCAS ist, wie es sich äußert, wie es diagnostisch eingeordnet wird und welche Verbindungen zum Ehlers-Danlos-Syndrom diskutiert werden.
1. Was ist das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)?
Mastzellen sind spezialisierte Immunzellen, die überall im Körper sitzen: in der Haut, im Darm, im Bindegewebe, in den Schleimhäuten, in den Atemwegen und rund um Nervenfasern. Ihr Job ist es, schnell Alarm zu schlagen, wenn ein Reiz als gefährlich eingestuft wird – z. B. Krankheitserreger, Verletzungen oder Allergene.
Dabei schütten sie Botenstoffe aus, darunter:
- Histamin
- Tryptase
- Leukotriene
- Prostaglandine
- Zytokine
Diese Stoffe sorgen dafür, dass der Körper reagiert: Gefäße erweitern sich, Haut wird warm oder rot, Schleimhäute schwellen an, der Darm wird aktiver, das Immunsystem wird aktiviert.
Beim MCAS reagieren Mastzellen überempfindlich.
Sie lösen Alarm aus:
- zu oft
- zu stark
- zum falschen Zeitpunkt
- ohne klar erkennbare Gefahr
Das Ergebnis ist eine Vielzahl unspezifischer Symptome, die sehr unterschiedlich ausfallen können.
2. Die Symptome: Warum MCAS so schwer zu erkennen ist
Die Beschwerden betreffen oft mehrere Organsysteme gleichzeitig:
Haut
- Rötungen („Flush“)
- Quaddeln, Juckreiz
- Schwellungen (Angioödeme)
Magen-Darm-Trakt
- Blähungen
- Bauchschmerzen
- wechselnde Stuhlgewohnheiten
- Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Herz-Kreislauf
- Schwindel
- Herzrasen
- Blutdruckabfälle
- Neigung zu Ohnmachtsgefühlen
Atemwege
- Reizhusten
- asthmoide Atemnot
- geschwollene Schleimhäute
Nervensystem / Allgemein
- Migräne
- Müdigkeit, „Brain Fog“
- Temperaturfühligkeit
- Erschöpfungszustände
Die Bandbreite ist enorm. Für viele Betroffene ist das größte Problem:
MCAS lässt sich nicht mit einem einzigen Test beweisen oder ausschließen.
3. Bekannte und vermutete Auslöser
Viele Menschen mit MCAS berichten sensibel auf:
- histaminreiche Lebensmittel
- Histaminliberatoren (Tomaten, Schokolade, Erdbeeren…)
- Alkohol
- Temperaturwechsel
- Stress
- bestimmte Medikamente
- Duftstoffe, Chemikalien
- Infekte
Die Reaktionen können von Tag zu Tag unterschiedlich ausfallen.
4. Wie wird MCAS diagnostiziert?
Die Diagnose basiert üblicherweise auf mehreren Säulen:
- Typische Symptome, die wiederkehren und in verschiedenen Organbereichen auftreten.
- Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden machen.
- Laborwerte, die während eines Schubs Hinweise geben können (z. B. Tryptase, Histamin-Metabolite).
- Ansprechen auf eine mastzellgerichtete Therapie (z. B. Antihistaminika).
Der diagnostische Weg ist individuell – und erfordert häufig Fachärzte.
5. Gibt es Zusammenhänge zwischen EDS und MCAS?
Ja – und zwar gleich mehrere, die in Forschung, Medizin und Patientenberichten immer wieder auftauchen. Kein Zusammenhang ist bislang abschließend bewiesen, aber es gibt plausible Modelle.
5.1 Hohe Überschneidung in der Praxis
Viele Kliniken und Fachärzte beobachten:
- Bei hypermobilem EDS (hEDS) treten MCAS-ähnliche Beschwerden häufig auf.
- Viele EDS-Patienten berichten Nahrungsmittelintoleranzen, Hautreaktionen, Schwindel, Kreislaufstörungen und andere Symptome, die zu MCAS passen.
- Betroffene beschreiben, dass Beschwerden oft „systemisch“ wirken, also den ganzen Körper betreffen.
Diese Beobachtungen haben das verstärkte Forschungsinteresse an EDS-MCAS-Zusammenhängen ausgelöst.
5.2 Gemeinsame Beteiligung des Bindegewebes
Mastzellen liegen bevorzugt im Bindegewebe – genau dort, wo EDS seine Ursache hat.
Beim EDS ist das Bindegewebe:
- instabil
- mechanisch empfindlich
- weniger belastbar
Dadurch kommt es häufiger zu:
- Mikroverletzungen
- Entzündungen
- mechanischem Stress für Gewebe und Nerven
Dieser Stress kann Mastzellen reizen.
Das ist eines der Modelle, die die erhöhte Mastzellaktivität erklären könnten.
5.3 Einfluss der Mastzellmediatoren auf das Bindegewebe
Umgekehrt beeinflussen Mastzellen das Bindegewebe selbst:
- Histamin kann Gefäße erweitern → mehr Ödeme, mehr Instabilität
- Proteasen aus Mastzellen können Bindegewebe abbauen
- Entzündungsmediatoren können Schmerzen verstärken
Bei EDS, wo das Gewebe ohnehin labil ist, könnte diese Wirkung besonders spürbar sein.
5.4 Verbindung zu Dysautonomie / POTS
Viele EDS-Patientinnen und Patienten leiden zusätzlich an:
- POTS (Posturales Tachykardie-Syndrom)
- anderen Formen der Dysautonomie
Auch hier gibt es Hinweise auf Überschneidungen:
- Histamin und andere Mastzellmediatoren beeinflussen Herzfrequenz und Kreislauf.
- Entzündungsmediatoren können das Nervensystem reizen.
Daher vermuten einige Experten ein Trias-Modell:
hEDS – MCAS – POTS
Diese drei Erkrankungen treten oft gemeinsam auf, ohne dass die genauen Mechanismen schon vollständig verstanden sind.
6. Warum MCAS bei EDS oft übersehen wird
Viele Symptome, die MCAS verursacht, werden bei EDS häufig anderen Ursachen zugeschrieben:
- Bauchschmerzen → „typisch EDS“
- Müdigkeit → „Chronische Schmerzen“
- Hautreaktionen → „Allergien“
- Schwindel → „POTS“
Dadurch wird MCAS manchmal erst spät in Betracht gezogen — obwohl eine mastzellfreundliche Behandlung den Alltag vieler Betroffener stark verbessern könnte.
7. Therapieansätze: Wie kann man MCAS beruhigen?
Die Behandlung ist individuell und gehört in ärztliche Hände.
Typische Elemente sind:
Medikamentöse Optionen
- H1-Antihistaminika
- H2-Antihistaminika
- Mastzellstabilisatoren wie Cromoglicinsäure
- Leukotrienblocker (manchmal)
Lebensstil / Alltag
- histaminarme Ernährung
- Stressmanagement
- Vermeidung persönlicher Trigger
- ausreichende Flüssigkeit
- Schlafhygiene
Die beste Therapie ist immer die, die zu den individuellen Auslösern passt.
8. MCAS und EDS: Was bedeutet das für Betroffene?
Für viele EDS-Patienten kann die Auseinandersetzung mit dem Thema MCAS ein entscheidender Schritt sein:
- Beschwerden werden besser verständlich.
- Zusammenhänge zwischen Ernährung, Stress und Symptomen werden klarer.
- Man kann gezielter mit Ärztinnen und Ärzten sprechen.
- Bei richtiger Therapie verbessern sich manche Symptome deutlich.
Auch wenn MCAS nicht „heilbar“ ist, lässt es sich häufig gut kontrollieren.
9. Fazit
MCAS ist eine komplexe Funktionsstörung des Immunsystems, die bei Menschen mit Ehlers-Danlos-Syndrom häufiger auftritt als in der Gesamtbevölkerung. Obwohl die genauen Zusammenhänge noch erforscht werden, zeichnen sich klare Überschneidungen ab – sowohl auf Ebene der Symptome als auch in möglichen biologischen Mechanismen.
Für EDS-Betroffene kann das Wissen über MCAS ein wichtiger Baustein sein, um Beschwerden besser zu verstehen und Strategien zu finden, die den Alltag erleichtern.
Je besser Ärztinnen, Therapeuten und Patienten informiert sind, desto gezielter kann behandelt werden.
